Jugendbegegnung: Freiheit war das Thema mit den meisten analogen Likes

09.11.2017 Jugend
Wie sehen sie aus: "The Many Faces of Freedom"? Eine internationale Jugendbegegnung im wannseeFORUM Berlin widmete sich diesen Gesichtern. Die Teilnehmenden erleben und erfahren dabei ganz eigene Versionen von Freiheit.
Eine Hand schreibt einen Text auf ein Blatt Papier mit dem Titel "Freedom"

Die jungen Menschen betrachteten das Thema Freiheit aus verschiedenen Perspektiven

Die Jugendbegegnung "The Many Faces of Freedom" des wannseeFORUM Berlin lud im Rahmen der Seminarreihe "International Summer Workshop" 50 junge Menschen ein, sich in künstlerischen Workshops und Gruppenaktivitäten zum Thema Freiheit auszutauschen. Ausgehend von aktuellen europaweiten Kontroversen setzten sie sich mit politischen und gesellschaftlichen Kernfragen des Zusammenlebens in den heutigen europäischen Gesellschaften auseinander und darüber hinaus.

Das Thema Freiheit wurde gemeinsam mit den Teilnehmenden bereits im letzten Jahr gewählt. "Auf der Themenwand mit den verschiedenen Vorschlägen der Jugendlichen wurde Freiheit das Thema mit den meisten analogen Likes", sagt Lukas Macher, der im wannseeFORUM für den Fachbereich Kulturelle Bildung und Internationaler Austausch zuständig ist. Gemeinsam mit den internationalen Partnern habe man sich im Zuge der Vorbereitung auf das Thema geeinigt. "Es ist universal, es ist ein Menschheitsthema, ein dezidiert politisches Thema, aber natürlich auch ein Thema, das sich gerade künstlerisch gut bearbeiten lässt", so Lukas Macher.

Die künstlerischen Werkstätten sind das Herzstück der Internationalen Begegnung

Künstlerisch wird das Thema während der Jugendbegegnungen in Werkstätten bearbeitet. Für deren Leitung engagiert das wannseeFORUM grundsätzlich Menschen aus Kunst oder Medienprofessionen, die Erfahrung oder Interesse haben, pädagogisch zu arbeiten. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sie einen ganz eigenen Blick haben und auch die Jugendlichen anders ansprechen können", so Lukas Macher.

So zum Beispiel Olja Koslova, die die Werkstatt "Text und Zeichnung" leitet. Über sich selbst sagt sie, sie sei sozusagen Künstlerin von Geburt an, habe ihr Diplom in Film gemacht, immer schon getanzt und unterrichte Freies Schreiben, Zeichnen und Malen. "Es ist immer interessant, mit jungen Menschen zu arbeiten, da sie noch bereit sind, sich zu öffnen, aber gleichzeitig sehr geprägt von ihrem Bildungshintergrund sind. Es gibt schon eingeschulte Gedanken, wie diesen, dass man am Tisch sitzt, wenn man schreibt. Und doch gibt es eine große Offenheit und Neugier. Für mich ist interessant, wie man aus dieser Prägung heraus wieder ein Stück Freiheit gewinnen kann."

Olja kommt ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion und fragt sich heute, warum die Menschen so blind waren und ein totalitäres Regime unterstützt haben. Für sie hat es sehr viel damit zu tun, dass die Menschen zu faul seien, präsent zu sein, zu sehen, zu beobachten, zu hören, zu spüren.

Die fünf künstlerischen Werkstätten sind laut Lukas Macher das Herzstück der Jugendbegegnung. Wichtig ist dem wannseeFORUM dabei, dass sich alle entfalten können. Auch wer eine Werkstatt leitet, soll das Gefühl haben, hier gute Arbeit machen zu können.

Freiheit in der Kunst ist kontrolliertes Spiel

Kristina Jung, die die Werkstatt "Musik" beim International Summer Workshop bereits zum dritten Mal leitet, ist professionelle Singer/Songwriterin. In ihrem täglichen Geschäft schreibt sie eigene Texte und produziert ihre eigene Musik. Bei dieser Werkstatt handelt es sich – so sagt sie selbst – um ihren einzigen musikpädagogischen Gig. Spannend hieran findet sie vor allem das ganz andere Erlebnis, nicht selber Musik zu machen, sondern andere bei dem künstlerischen Prozess zu begleiten.

"Das macht mich stolzer", sagt sie. Ihr Ziel ist es, vor allem die jungen Menschen, die hier zum ersten Mal dabei oder auch sehr schüchtern sind, sozusagen aufzuwecken, und am Ende der Woche mit etwas mehr Selbstbewusstsein zu entlassen. "Die Erfahrung zeigt, nach dieser Woche stehen sie anders vor Leuten, sie haben anders Spaß, und sind auf einmal Teil von etwas, dem sie sich am Anfang dieser Begegnung noch völlig fremd gefühlt haben", so die Musikerin.

Für den 18jährigen Teilnehmer Stan aus Tschechien bietet Musik die Freiheit, sich und seine Gefühle ausdrücken, und das auf vielen verschiedenen Wegen. Man habe die Freiheit, zu wählen, welches Genre, welche Textform, welches Instrument man nutzen möchte, um seine Gedanken zu äußern. Auch für Khalid, der seit 20 Monaten in Deutschland lebt, ist Musik eine Art der Freiheit. "Mit Musik, mit unseren Songs können wir ausdrücken, was wir im Herzen haben", so der 20jährige, der zum zweiten Mal an einer internationalen Jugendbegegnung teilnimmt.

Begegnung mit Diversität und Widersprüchen

In den ersten Tagen, bevor die künstlerischen Werkstätten starten, nimmt sich die Gruppe viel Zeit, um sich gemeinsam dem Thema "Freiheit" anzunähern. Die gemeinsame Übung "Freedom Webs" dient dazu, über diverse Arten von Freiheiten, so zum Beispiel der "freedom of speech", "freedom of thought" oder "freedom of movement", ins Gespräch zu kommen. Die Teilnehmenden sind aufgefordert, auf einer Skala von 1 bis 7 zu markieren, wie gut es um diese Art von Freiheit derzeit in ihrem jeweiligen Heimatland steht, ihrer ganz persönlichen Meinung nach.

Zuza und Olga kommen aus Polen. Sie sind zum ersten Mal auf einer internationalen Begegnung und genießen es, sich mit anderen zu diesem Thema auszutauschen. Jeder habe ein klares und sehr persönliches Bild von Freiheit, welches durch Herkunft und Hintergrund  geprägt sei, ist ihr Eindruck. Ein gutes Beispiel hierfür sei Zuzas Meinung nach die Religion. "Religion kann für den einen Freiheit bedeuten, und für den anderen Abhängigkeit", meint sie.

"Hier bekommt man Insider-Wissen“, meint die 19jährige Marie aus Berlin. "Welche Probleme gibt es in anderen Ländern, von denen man vielleicht gar nichts mitbekommt?"

Khalid hat bereits vor der Jugendbegegnung viel über Freiheit nachgedacht: "In meinem Heimatland Afghanistan gibt es keine Freiheit. Ich aber suchte sie. Also habe ich beschlossen, ich muss irgendwo hin, wo die Menschen offen sind, und keine Probleme damit haben, was du trägst, was du denkst oder sagst. Hier auf der Jugendbegegnung sind wir Freunde, die sich nicht an den Hintergründen des Alters, der Religion, Hautfarbe oder der Sprache aufhalten. Wir sprechen einfach miteinander, wir diskutieren und lernen. Und genau das hatte ich gesucht."

Mit Respekt und ohne Angst

Mohammed, der in Libyen aufgewachsen ist, erzählt von den unzähligen Momenten, in denen er mit seinen Freunden, Filme geschaut habe: immer dieselben Szenen: junge Menschen, die in Cafés oder Bars sitzen, in den Park gehen oder Billard spielen. "Ich war immer sehr neidisch, da wir diese öffentlichen Plätze, wie Parks oder Bars, nicht haben. Und Bars sind sowieso verboten. In Libyen gab es nur Arbeit – Schlafen – Arbeit – Schlafen. Wir hatten keine andere Zeit. Ich wollte immer meinem Alter entsprechend leben. Für mich haben die junge Leute in den Filmen im Himmel gelebt. Und nun bin ich selbst dort, habe Freunde, die meine Religion verstehen."

Freiheit heißt für ihn, seine Wünsche, Gedanken und Meinungen auszudrücken, mit Respekt natürlich, aber ohne Angst oder Bedenken zu haben, was andere über ihn denken. "Denn", so sagt er, "besonders in meinem Fall ist das vielleicht schwierig, da ich arabischer Herkunft bin. Es ist für Leute möglicherweise nicht so einfach, meine Tradition und Kultur zu verstehen. Ich hatte wirklich Angst, dass Leute in Europa Muslime hassen, aber ich lag falsch, sie sind alle wirklich nett und hilfsbereit. Das hat auch etwas mit mir gemacht. Ich habe meine eigenen Vorurteile hinterfragt, ich bin offener geworden und lernte hier in Deutschland, dass jeder tun kann, was er möchte. Wenn zwei sich lieben, ob Frau, ob Mann, können sie zusammen leben. Sie können sie selbst sein.“

Der Fluchthintergrund einiger Jugendlicher muss auf der Jugendbegegnung überhaupt keine Rolle spielen, aber er darf es. Es ist selbst gewählt, inwieweit es thematisiert wird. Mohammeds anfängliche Bedenken waren schnell verflogen: "Ich dachte vorher, niemand wird mit mir sprechen, aber ich habe mich getäuscht, jeder sprach ganz normal mit mir und niemand fragte mich nach meiner Religion. Der Respekt, mit dem hier miteinander umgegangen wird, ist unglaublich. Ich habe gelernt, niemanden zu verurteilen, bevor ich nicht mit ihm oder ihr gesprochen habe."

Begegnungen in und mit Berlin

Aber noch etwas hat ihr und Olga die Skepsis und Angst genommen: die Exkursion in die Unterkunft für Geflüchtete in Berlin und das Gespräch mit den Menschen, die dort leben und die dort freiwillige Unterstützung leisten. Olga will diese Erfahrung unbedingt weitergeben: "Ich hoffe, wenn ich zurückkomme und meinen Freunden davon erzähle, was ich in einem Refugee Camp erfahren habe, dass sie ihre Meinung vielleicht ändern."

Der Besuch dort war eine von insgesamt vier parallel stattfinden Exkursionen, die den Teilnehmenden zum einen viel Input und zum anderen Zeit gaben, sich dem Thema anzunähern. Stan, der in Tschechien gerade sein letztes Schuljahr beendet, ist vor allem an der Geschichte und den bedrohten und errungenen Freiheiten des 20. Jahrhunderts interessiert. So war es kein Wunder, dass er sich für die Exkursion ins Stasi-Museum entschied.

I am alive, but in Wannsee I was living

Wie fasst man so eine intensive Zeit zusammen? Stan beschreibt die Jugendbegegnung als ein großes Puzzle, in dem alle Teile passen: die Leute, die Atmosphäre, der Ort. Für Mohammed ist ein Traum wahr geworden: "Mit Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenzukommen und sich auszutauschen, das macht mich glücklich. Ich bin zum zweiten Mal beim Summer Workshop im wannseeFORUM dabei und habe jetzt so viele Freunde. Ich bin die glücklichste Person auf dieser Welt."

Olga und Zuza sind sich einig, dass es sich im Vergleich zu ihrem alltäglichen Leben hier um eine Art Paradies handelt. Die Leute seien unglaublich offen, interessiert und informiert. Man könne über alles Mögliche sprechen: Politik, Freundschaft, Schule, Familie, Religion, einfach alles. Über einige Leidenschaften und Gedanken könne man mit der Familie oder Freunden zuhause nicht so gut sprechen. Hier dagegen sei jeder an dem interessiert, was die beiden sagen.

Auch Marie findet die Gruppe besonders: "Hier stecken so viele Kulturen drin, so viel Energie, so viel Herz und so viele Geschichten." Und Khalid fasst es schließlich in aller Kürze zusammen: "I am alive, but in Wannsee I was living."

(Sabrina Apitz für JUGEND für Europa / Foto: Sabrina Apitz)

---

Weiterführende Hinweise

Link: Wenn auch Sie eine Jugendbegegnung planen, können Sie sich hier über die Fördermöglichkeiten im Rahmen von Erasmus+ JUGEND IN AKTION informieren...

Link: Mehr zur Arbeit der Stiftung wanseeFORUM Berlin erfahren Sie hier...