Treffpunkt: Vom EFD zum Europäischen Solidaritätskorps

21.12.2017 Jugend
Beim Treffpunkt.EFD.ESK in Bonn kamen EFD-Träger zur Jahrestagung zusammen, um sich über aktuelle Entwicklungen, Umsetzungsmöglichkeiten und Perspektiven für ein solidarisches Europa im neuen Europäischen Solidaritätskorps auszutauschen. Zu Inhalten und dem Übergang vom EFD zum Solidaritätskorps konnte mehr Klarheit geschaffen werden.
Junge Menschen diskutieren angeregt.

Zum neuen Europäischen Solidaritätscorps wurde angeregt diskutiert

Wir haben schon vor knapp zehn Jahren mit dem EFD aufgehört, würden aber gerne wieder einsteigen. Ich könnte mir gut vorstellen dass das ESK eine Chance für neue Gestaltungsmöglichkeiten ist“, sagte Sören Schmidt (Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.). Silke Dust (Jugendakademie Walberberg) bekräftigte: „Es ist eine Chance für uns, das Thema Europa im Freiwilligendienst stärker zu profilieren und auch mehr benachteiligte Jugendliche zu entsenden und aufzunehmen. Ich sehe den politischen Willen dafür.“

Junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren können sich über das neue Programm in vielfältiger Form für Europa engagieren, außerdem birgt es neue Chancen für Organisationen. „Wo stehen wir jetzt? Was wird sich ändern und was so bleiben? Wie und was sollen wir an die Jugendlichen kommunizieren?“ waren daher brennende Fragen der rund 100 anwesenden Träger beim Treffpunkt.EFD.ESK in Bonn. Schnell wurde klar, dass die Verschiebung des Starts eine Chance für weitere Anregungen und Gestaltungsmöglichkeiten durch Träger und JUGEND für Europa als künftige Nationale Agentur ist.

Feedback für praktische Umsetzung unabdingbar

Axel Stammberger (BMFSFJ) erklärte in seinem Eingangsstatement, dass ein wesentliches Element des ESK zwar der EFD aus Erasmus+ sei, jedoch das ESK mehr Flexibilität und eine Reihe neuer Möglichkeiten biete, z. B. Vernetzungsprojekte oder Solidaritätsprojekte. Er betonte ein kontinuierliches Feedback der Träger sei gerade im Übergangsprozess unbedingt notwendig. Insbesondere auf der Ebene des Programmleitfadens gebe es noch viele Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten, bei denen die Ideen und Erfahrungen der Anwesenden wichtig seien. Der EU-Jugendministerrat hat bereits im November seinen Standpunkt zum ESK beschlossen. Dieser umfasst z. B. eine Ausweitung der Teilnahmeländer analog zum EFD sowie eine Stärkung des transnationalen Charakters des ESK. Das Europäische Parlament werde voraussichtlich im Februar 2018 seine Position zum ESK beschließen. Die vorgesehene Fördermöglichkeit im ESK für Arbeitsstellen und Praktika sowie das Budget werden dann noch einmal wesentliche Diskussionspunkte in dem sogenannten Trilog sein, bei dem die verschiedenen Positionen mit dem Ziel einer Einigung in erster Lesung verhandelt werden. „Derzeit ist nicht absehbar, wie schnell eine solche Einigung erzielt werden kann, aber es ist nicht unrealistisch, dass das ESK Mitte 2018 in Kraft treten könnte. Der politische Wille dafür ist bei allen Beteiligten vorhanden“, sagte Stammberger.

„Für uns ist es ein wichtiger Schritt, Sie auf dem Weg abzuholen und auf dem aktuellen Stand zu halten. Über 6.300 Organisationen und 43.000 Jugendliche haben sich europaweit für das ESK registriert – die meisten davon aus Italien, Spanien und Portugal“, erklärte anschließend Manfred von Hebel von JUGEND für Europa. „Es ist sehr positiv zu werten, dass der Bereich Jugend mit dem Europäischen Solidaritätskorps nun so hoch auf der politischen Agenda in der EU angesiedelt ist“, betonte er. Außerdem. so von Hebel, sei es geplant, für Freiwilligendienstprojekte die Fördersätze zu erhöhen.

Michael Bielecki (CJD Essen) hatte gehofft, dass der Stand im Hinblick auf den Programmleitfaden noch etwas weiter sei: „Momentan ist das ESK für mich eher eine Namensänderung. Vor allem was Solidarität angeht, ist das ist für mich kein neuer Aspekt, sondern einer, der ohnehin schon in vielen EFD-Projekten vorhanden ist."

Europäische Solidaritätsprojekte lokal und national

Bei Workshops zu den zukünftigen Fördermöglichkeiten im ESK „Jobs und Praktika“, „Solidaritätsprojekte“, „Vernetzungsaktivitäten“, „administrative Fragen“ und „Langzeitfreiwilligendienste“ konnten Detailfragen beantwortet werden, aber natürlich wurden auch neue Fragen aufgeworfen. In der Diskussion zu „Solidaritätsprojekten“, u.a. eine Neuauflage der bis 2013 als "nationale Jugendinitiativen" bekannten Projekte, freute sich Judith Kiss (DRA e.V.) darüber, dass es wieder eine niedrigschwellige Möglichkeit für Jugendliche gibt, Europa zu erleben: „Man braucht keine große Reiselust oder Fremdsprachenkenntnisse mitbringen, um sich mit europäischen Themen beschäftigen zu können und kann das bei sich vor Ort erleben, das ist toll“. Christian Schroth (Fahrten-Ferne-Abenteuer Ferienwerk) ergänzte: „Es ist super, dass junge Menschen die Projekte selbst initiieren und durchführen können und damit auch die Themen setzen, die sie wichtig finden – das entspricht viel stärker ihrer Lebensrealität“.

Kontrovers ging es im Workshops „Jobs und Praktika im ESK" zu: „Eine große Hürde für Jobs im Ausland im ESK ist natürlich die Sprache. Auf der anderen Seite könne es für den Einzelnen eine große Chance sein, wenn er in seiner Heimat keine Optionen hat, sagte Branimir Suk (NaturKultur e.V.). „Als Arbeitgeber erwarte ich gewisse Berufskompetenzen und auch Sprachkenntnissen– zumindest im Sozialbereich“, merkte Simone Wiesehahn (Dialog gGmbH) an: „Wir können keinem Praktikanten einen Folgejob anbieten, der nicht mindestens B1-Sprachkenntnisse hat.“ Dann käme man aber schnell zu ethisch fragwürdigen Punkten, sagte Jenny Eichler von der Eurowerkstatt Jena: „Es gibt Gründe, warum etwa im Pflegebereich so viele Kräfte gesucht werden. Die jungen Fachkräfte aus anderen Mitgliedstaaten unsere Problematik lösen zu lassen finde ich gerade im Hinblick auf das Thema Solidarität sehr problematisch.“

Eine weitere Schwierigkeit bestehe darin, so die Teilnehmer, dass viele kleine Organisationen und Projekte gar nicht aus eigener Kraft eine Stelle oder Praktikumsplatz finanzieren können. „Das wäre nur für größere Betriebe machbar und vielleicht auch solche, wo Sprachkompetenzen nicht die wichtigsten sind“, sagte Pia Enders (People’s Theater e.V.) – wichtig wäre zu berücksichtigen, dass kleine Projekte nicht vergessen werden, Patenschaften in den Einsatzstellen eingerichtet werden und Online-Sprachkurse als begleitende Maßnahme nicht ausreichen, so das Plädoyer der Gruppe.

Eine gute Chance für Europa

Im Plenum stellte Manfred von Hebel zehn Punkte für eine jugend- und bildungspolitische Initiative zur Erneuerung Europas und einen gemeinsamen Aktionsplan für europäische bürgerschaftliche Bildung vor. Er forderte ein stärkeres Engagement auf regionaler wie auf kommunaler Ebene für Europa und appellierte an alle Anwesenden als Akteure der Zivilgesellschaft, die Europäisierung des fachlichen Dialogs und der fachlichen Arbeit voranzutreiben und europäische Zusammenarbeit auf allen Ebenen anzustreben. Er betonte, dass das ESK hier ein Instrument sein könne, gerade auch um die Zivilgesellschaft zu stärken, Kommunen stärker einzubinden und eine größere Öffentlichkeit für das Anliegen zu schaffen.

Danach bestimmten die Teilnehmer selbst die Themen, die sie in kleinen Arbeitsgruppen erörtern wollten: Es ging um mehr Vernetzung, die Stärkung von Entsendeorganisation und ehrenamtliche Strukturen, die Rolle von Mentoren und Tutoren,  aber auch darum wie benachteiligte Jugendliche im ESK erreicht werden können.

In der Arbeitsgruppe um die Veränderung vom EFD zum ESK merkte Eva Wissing (ijgd) an: „Viele Mitarbeiter haben sich noch gar nicht mit dem ESK beschäftigt und wir fragen uns, was wir jetzt nach außen kommunizieren sollen“. Petur Thorsteinsson (Ev. Jugendwerk Reutlingen) sagte: „Für uns ist der Brückenbau auch zwischen den Programmen wichtig und ich habe das Gefühl, dass das ESK für uns das Wunschprogramm ist, mit dem wir so viele Programme wie möglich unter einen Schirm bringen“.  In der Arbeitsgruppe für die Ansprache benachteiligter Jugendlicher im ESK plädierten viele Teilnehmer dafür, dass es keine klare Definition geben dürfe, dass mehr Streetworker eingebunden werden müssen und dass insgesamt mehr unternommen werden müsse, um gewillte Aufnahmestellen zu unterstützen. Martina Johann (in Via Köln e.V.) regte an, die Jugendlichen selbst noch mehr als Ressource zu nutzen und lobte die vorgesehene mögliche Einsatzspanne für die Zielgruppe: „Zwei Wochen sind eine realistische Zeit, ein guter Einstieg für eine erste Auslandserfahrung – eventuell kann man danach dann noch einen längeren Dienst anschließen“, sagte sie.

Auch im Jahr 2018 soll es einen Treffpunkt ESK geben. Zum offiziellen Programmstart wird JUGEND für Europa eine Kick-Off-Konferenz im Herbst sowie anschließende Regio-Touren veranstalten – damit reagiert man auch auf den Wunsch nach mehr regionalen Informationsangeboten und stärkerer Vernetzung von Akteuren.

(Text: Lisa Brüßler für JUGEND für Europa, Foto: Lisa Brüßler, Göttingen)