"Auf dem Weg zu einer diversitätsbewussten Gesellschaft"

Jugend

In der Arbeit mit jungen Menschen müssen deren Unterschiede wahrgenommen werden. Aber die Aufgabe von internationaler Jugendarbeit ist es nicht, diese Unterschiede zu problematisieren. Der Nationale Beirat für Erasmus+ JUGEND IN AKTION hat im März gemeinsam mit JUGEND für Europa eine Nationale Inklusions- und Diversitätsstrategie vorgelegt. Sie fordert, die Vielfalt junger Menschen als Lernansatz zu sehen. Christof Kriege und Mireille Gras von JUGEND für Europa erläutern, wie ein Perspektivwandel hin zu einer diversitätsbewussten Arbeit vollzogen werden kann.

JfE: 2015 hat die EU-Kommission für Erasmus+ eine europäische Inclusion and Diversity Strategy veröffentlicht. Sie beschreibt, wie allen jungen Menschen das Lernen durch grenzüberschreitende Mobilität ermöglicht werden soll. Warum jetzt noch eine nationale Strategie?

Christof Kriege: Um eines vorweg zu sagen: Seit es europäische Jugendförderung gibt, also seit 1989, gibt es eine Förderung von jungen Leuten mit besonderem Unterstützungsbedarf. Die Verabschiedung der "Erasmus+ European Strategy for Inclusion and Diversity" im Jahr 2015 war dann aber tatsächlich ein ganz wesentlicher Meilenstein.

Die europäische Inklusionsstrategie wurde in einem Konsultationsprozess gemeinsam von Europäischer Kommission, nationalen Expertinnen und Experten aus dem Bereich der inklusiven internationalen Jugendarbeit und dem SALTO Resource Centre Inclusion entwickelt. Ganz viele Aufgabenpakete hat sie im Endeffekt den Nationalen Agenturen zugeschrieben. Unter anderem war eine Aufgabe, die europäische Strategie national zu unterfüttern.

Das ist auch der Werdegang unserer nationalen Erasmus+ Inklusions- und Diversitätsstrategie. Sie hebt sich im Kern jedoch deutlich von dem ab, was Europa mit der europäischen Strategie beschreibt. U.a. werden dort sieben Benachteiligungskategorien definiert, denen junge Menschen zugeordnet werden können, um für sie aktiv zu werden und ihnen eine Teilhabe zu ermöglichen. Das ist allerdings für die Betroffenen diskriminierend.

Wir waren der Meinung: Das große Ziel einer Diversitätsstrategie muss sein, dass die jungen Menschen von Anfang an so wahrgenommen und behandelt werden, wie sie sind. Diversitätsbewusstes Handeln in der internationalen Jugendarbeit bedeutet, dass wir Unterschiede aller Art wahrnehmen und benennen dürfen, aber damit umgehen wollen, statt sie zu problematisieren.

Hier liegt die Akzentverschiebung unserer nationalen Erasmus+ Inklusions- und Diversitätsstrategie.

Ihr sagt, diese Art von Kategorisierung, wie sie die Europäische Strategie beschreibt, stellt letzten Endes eine positive Diskriminierung dar. Die Frage bleibt: Braucht es nicht trotzdem solche Beschreibungen, um Vielfalt in internationalen Mobilitätsmaßnahmen herzustellen?

Christof Kriege: Ich glaube, dass es die Benachteiligungskategorien in den Inklusions- und Diversitätsstrategien perspektivisch nicht braucht. Sie sind eine Art Hilfskonstruktion eines Zielgruppenorientierten Engagements. Dieses ist solange nötig, wie wir unterwegs sind auf dem Weg hin zu einer diversitätsbewussten Gesellschaft, bzw. hier zu einer diversitätsbewussten internationalen Jugendarbeit.

Aus meiner Sicht löst eine diversitätsorientierte Haltung den Auftrag zur Inklusion ab. Mit dem diversitätsbewussten Ansatz werden alle Menschen mit all ihren Stärken und Beeinträchtigungen von Anfang an mitgenommen.

Letztendlich geht es also um einen Wertewandel. Wie kann in der Praxis so ein Perspektivwandel von einer inklusiven Arbeit hin zu einem diversitätsbewussten Ansatz umgesetzt werden?

Christof Kriege: Das schafft Europäische Jugendbildung natürlich nicht allein, höchstens exemplarisch. Dazu müssen wir die Träger der Kinder- und Jugendhilfe oder auch die Träger der Behindertenhilfe viel stärker mit ins Boot holen. Wir müssen einerseits die Träger für den Perspektivwechsel gewinnen, die sich um junge Menschen mit geringeren Chancen kümmern, und gleichzeitig daraufhin wirken, dass überall Zugänge für alle jungen Menschen möglich sind.

Wir werden mit Einrichtungen der Behindertenhilfe stärker kooperieren, weil wir glauben, dass wir darüber Zugänge zu jungen Leuten bekommen, die die Mobilitätsformate von Erasmus+ JUGEND IN AKTION bisher tatsächlich nicht erreicht haben.

Entscheidend für die Zukunft sind vier Dinge:

  1. Wir müssen Fachkräfte entsprechend ausbilden.
  2. Wir müssen die jungen Menschen in all ihren unterschiedlichen Lebenskontexten abholen. Dies muss das Zugangsprinzip zu Europäischer Jugendarbeit sein.
  3. Wir müssen Träger dabei unterstützen, eine strategische Planung von wirklich inklusiven internationalen Jugendmobilitätsprojekten zu erreichen, beispielsweise über den Index for Inclusion.
  4. Und wir müssen versuchen, den Diversitätsansatz stärker jugendpolitisch und vielleicht sogar gesellschaftlich zu verankern. Das heißt, wir wollen dazu beitragen, dass es eine stärkere Bewusstseinsbildung für die Vielfalt von jungen Leuten auch im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit gibt.

Ende Mai findet in Bonn das internationale Training "Embracing Diversity" statt. Dieses Training ist ein konkreter Baustein, mit dem eine solche Bewusstseinsveränderung angestoßen werden soll. Was genau ist in diesen fünf Tagen geplant?

Mireille Gras: Das Training richtet sich an Fachkräfte der Jugendarbeit, die sich das Thema Diversität in ihrer Arbeit widmen und mehr über Theorie und Praxis von Diversitätskonzepte erfahren möchten.

Ziel ist es, dass die Teilnehmenden ihr Bewusstsein für die verschiedenen Ebenen von Diversität erweitern: angefangen von der persönlichen Haltung bis hin zu strukturellen Bedingungen.

Wir behandeln die Themen Identität und dessen Verbindung zu Diversität sowie die häufige Zuordnung von Menschen in wertende Kategorien. Die Methoden sind sehr praxisorientiert und berücksichtigen die persönliche Erfahrung der Teilnehmenden.

Mit dem Training verfolgen wir einen sehr partizipativen Einsatz. Diversitätsbewusstsein bedeutet, sich die Verbindung zwischen Strukturen, Macht und Diskriminierung vor Augen zu führen. Dies wollen wir anhand der Reflektion über die eigenen Arbeitsstrukturen erreichen. Und damit soll letztendlich ein Perspektivwechsel ermöglicht werden.

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick in die Zukunft. 2021 startet die nächste Programmgeneration von Erasmus+. Das Programm soll inklusiver gestaltet und erweitert werden. Was braucht es für Richtlinien und Strukturen, um den diversitätsbewussten Ansatz im Programm auszubauen?

Christof Kriege: Ich glaube, dass Europa auf einem guten Weg ist, was die finanzielle Grundausstattung für ein besseres inklusives Arbeiten betrifft. Und das ist auch lobenswert.

Grundsätzlich bedarf es eher eine Veränderung von Ansätzen und Haltungen. Wir haben insbesondere in den europäischen Flächenländern oft stark versäulte Hilfesysteme, die sich bestimmten Zielgruppen zuwenden. Das schafft per se kein inklusives bzw. diversitätsorientiertes Klima.

In Estland dagegen arbeiten viele Jugendorganisationen bereits diversitätsorientiert. Sie erreichen damit die Vielfalt von jungen Menschen. Die strategische Zusammenarbeit von Trägern zur Förderung einer inklusiven und diversitätsorientierten Jugendbildung in Europa sollte weiterhin ein Kernziel zukünftiger Europäischer Jugendbildungsförderung sein, damit versäulte Hilfssysteme funktional stärker aufgebrochen werden können.

Zugleich müssen wir Träger motivieren, ihre Maßnahmen internationaler Jugendarbeit von Anfang an für alle jungen Leute zu öffnen. Das wäre der Ansatz, der gefahren werden müsste.

(JUGEND für Europa)

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Weiterführende Informationen

Zur fachlichen Begleitung des EU-Programms Erasmus+ JUGEND IN AKTION in Deutschland hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) einen Nationalen Beirat eingesetzt.

Eine Arbeitsgruppe bestehend aus Expertinnen und Experten dieses Nationalen Beirats sowie JUGEND für Europa hat die Nationale Inklusions- und Diversitätsstrategie beraten und entwickelt.

Download: Inclusion First. Nationale Inklusions- und Diversitätsstrategie (PDF-Dokument, 270 Kb)